Tag-Archiv für 'proletariat'

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Er ist arm, das Leben hat keinen Reiz für ihn, fast alle Genüsse sind ihm versagt, die Strafen des Gesetzes haben nichts Fürchterliches mehr für ihn – was soll er sich also in seinen Gelüsten genieren, weshalb soll er den Reichen im Genuß seiner Güter lassen, statt sich selbst einen Teil davon anzueignen? Was für Gründe hat der Proletarier, nicht zu stehlen?

Friedlich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW 2, Seite 343

Sehr richtig III

Was die Darbietung der „Klassentheorie“ von Marx außer eben der Erklärung, warum es heute so zugeht, wie es zugeht, sonst noch soll, ist sehr einfach. Wer bemerkt, wie korrekt da die soziale Marktwirtschaft auch im Modell Deutschland dargestellt wird, hat mit einem Mal einen kleinen Leitfaden an der Hand, und zwar für sein Interesse. Es ist nämlich kein Kunststück, von den „sozialen Unarten“, die einen in der Tarifrunde, beim Mietzins, in Sachen „Umwelt“, bei den Arbeitslosen, bei den Abzügen auf dem Lohnstreifen oder im Studium das Vertrauen auf Gott und die Gerechtigkeit verleiden, rückwärts auf ihren Grund zu schließen. Also zu wissen, wogegen man anzutreten hat, wenn man wirklich „etwas ändern“ will. Wenn man das „Ändern“ nicht als Phrase versteht, die sich Wende-Politiker wie der ADAC und Steuerreformer gleichermaßen zu eigen machen und nur meinen, daß alles genauso noch besser funktionieren könnte. Wenn man also nicht nur Anlässe für Unzufriedenheit akkumulieren will.

Im übrigen fängt Kritik nicht damit an, daß sie an sich die kritische Frage stellt, ob sie weitergeht, praktisch und konstruktiv ist. Sie beginnt damit, daß man sich Rechenschaft ablegt darüber, woher all das kommt, was man als Belästigung und Schaden wahrnimmt. Wer auf das bißchen Ursachenforschung verzichtet, vertut sich womöglich im Engagement, sucht sich Ort, Zeit und Adressat wie Gegner seiner Bemühungen verkehrt aus. Dann vergeht seine Jugend, und er war in Mutlangen und Wackersdorf zelten, hat seine Zeit im Frauenbuchladen verplempert und Grüne gewählt, während die Klassengesellschaft funktioniert, daß es kracht.

MSZ, 1986 Ausgabe 11, DIE KLASSEN (II) – Kleine Zwischenbemerkung, nochmals die Leugnung der Klassen betreffend

Stimmung zum Wochenende!


♥Tekknoatze

Für eine Neubestimmung des Klassenbegriffes

Wenn heute noch von „Class War“ oder „Klasse gegen Klasse“ gesprochen wird, heißt das im Normalfall vor Allem eines: Die Fordernden haben einiges am heutigen Zustand der Klassengesellschaft nicht verstanden und hippeln immer noch auf einem Trip der revolutionsmachenden Arbeiter_innenklasse rum.
Fakt ist doch aber, das haben Vergangenheit und Gegenwart bewiesen und tun es tatgtäglich, dass der klare Gegensatz der Klassen aufgehoben. Da wo früher mehr oder weniger starre Linien verliefen kann heutzutage beinahe jede_r, vorausgesetzt ihr_sein Wille zur Verwertung ist ausgeprägt genug, die Klassengrenzen überwinden, ebenso bewiesen ist, dass die Arbeiter_innenklasse ihre damalige Rolle als revolutionäres Subjekt ziemlich vergeigt hat.
Daraus folgt dann auch als heutiges Beispiel, dass die_der durchschnittliche Arbeiter_in eher der BILD verfallen ist als den Marx Engels Werken und sich lieber Fußball auf einer Großbildleinwand anzugucken, dabei klammheimlich oder öffentlich besoffen ihre_seine Lieblingsnation abzufeiern, als das Programm zugunsten kritischer Theorie zu wechseln.
Man könnte sagen der Klasse geht es verdammt miserabel und das Virus „Revolution“ in der bürgerlichen Gesellschaft gut bekämpft wurde.
Tatsächlich aber kann keine Revolution zu machen sein, die nicht die (überwältigende) Mehrheit der Weltbevölkerung zu Subjekten dieser Revolution macht.
Noch ein Aspekt, der den Begriff der Arbeiter_innenklasse unmöglich macht als Begrifflichkeit emantipativer Bestrebungen ist, dass in diesem Begriff doch die tatsächlich elende Situation in der kapitalistischen Gesellschaft nicht zum Disput stellt, sondern sie vielmehr mit einer positiven Identität füllt.
Um den Klassenbegriff heutzutage also noch begrauchen zu können, als Ausweg aus der Scheiße nicht weiter rein in sie, muss der Inhalt dieser Klasse neu bestimmt werden.
Diese Klasse haben dann jene zu sein, die mit Kapital, Nation und Kultur brechen wollen, das ist die Klasse, die tatsächlich die Revolution machen kann, insofern man sie machen kann und keine unkontrollierbare Eigendynamik entsteht. Diese Klasse können aber tatsächlich alle Menschen bilden, prinzipiell vom Chef eines multinationalen Unternehmens bis zum prekarisiertesten Individuum der kapitalistischen Elendsgesellschaft. Bei dem einen steht es wahrscheinlich, dass es aus der Unnötigkeit sich mit solchen Themen zu beschäftigen, das einzelne Interesse ist ja gesichert wozu dann noch Gedanken über Konkurrenz machen, bei dem Anderen schlicht aus mangelndem Zugang zu den nötigen Informationen, niemand hat die Struktur des Kapitalismus in einer Nacht und noch dazu ohne Hilfe verstanden, oder auch aus mangelnder Zeit für solche Unternehmen, ist doch allerlei Mühe nötig sein eigenes Interesse zu wahren und überhaupt den nächsten Tag zu erleben.
Mit dieser neubestimmten Form von Klasse lässt sich dann auch wieder emanzipativ arbeiten. Eben weil nicht materielle Situation, sondern der Wille zur Veränderung die Zugehörigkeit bestimmen. Und diese Klasse der Klassengegner_innen kann dann auch als sowas wie ein revolutionäres Subjekt verstanden werden, oder besser als Zusammenschluß revolutionärer Subjekte.

Für die revolutionäre Klasse,
nie wieder Arbeiter_innenklasse.

♥Tekknoatze