Tag-Archiv für 'kritik'

Lesen! Ohne Elke Heidenreich II

»Das Gerücht über die Muslime« ist en vogue wie eh und je wenn Deutsche und solche, die es werden wollen mal wieder einen vom Leder ziehen und in hunderten Schattenboxkämpfen ein nicht näher definierbares, scheinbar aber schon ewig so bestehendes, Konstrukt namens »Islam« zu ihrem Gegner erklären und in allen Gewichtsklassen anfangen loszuboxen, dass einer schwindelig wird. Umso besser tut es eine kritische Befassung mit Islam und Islamismus zu lesen, die sich nicht mit aller Leidenschaft dem Ressentiment hingibt. Das tut zum Beispiel Aziz Al-Azmeh in seinem Artikel »Der Islamismus und die Araber« in der KP-Broschüre »Islamismus – Kulturphänomen oder Krisenlösung« getan:

Es versteht sich von selbst, dass die gerade umrissene Position Teil einer, wie man es genannt hat, »kulturellen Entwicklungshilfe« ist; denn unter den widrigen Verhältnissen, wie sie die langwierigen sozialen und ökonomischen Krisen darstellen, von
denen der arabische Raum – in Einklang mit seiner »südlichen« Identität – heimgesucht wird, gilt der Liberalismus als Bedingung der Möglichkeit für ein System von haltbaren politischen Vereinbarungen, die »entweder weltweit Geltung haben oder … durch handgreifliche Aktionen verteidigt werden müssen«. Die Resonanz, die das bei Fukuyama und seinen Kreisen findet, ist keineswegs zufällig; sie sind in derselben historischen Situation der gegenwärtigen einpoligen Ausrichtung internationaler Beziehungen. Die Neigung zum Islamismus und die Parteinahme für ihn während der letzten Jahre im Westen ist eine Form von politischer Intervention seitens einer vom Erdöl bestimmten islamischen Ordnung (»Petro-Islam«), die nach dem Ende des Kalten Krieges auf ihre Verwirklichung dringt; der Kalte Krieg wurde in der arabischen Welt in Form eines Diskurses geführt, der im Namen islamistischer Authentizität das Feindbild »importierter Ideologien« entwarf, womit ursprünglich der Sozialismus in allen seinen Spielarten, insbesondere in seiner nasseristischen Ausprägung, gemeint war und heute der Liberalismus.
Der islamistische Revanchismus in der arabischen Welt ist keine »Rückkehr« zu einem urtümlichen Utopia, auch wenn er sich selbst auf diese Weise präsentiert. Wie sein Pendant in der westlichen Literatur besteht er in einem Diskurs über Authentizität, dessen erkenntnistheoretisches Hauptinstrument darin besteht, Differenz wahrzunehmen und zu registrieren; die Sakralisierung des Politischen in diesem Diskurs wird nicht als Maskierung, sondern als Offenlegung betrachtet. Das ist der Grund, warum es zum Beispiel Kepel rundherum ablehnt, die politische Ausdrucksform des Islamismus als etwas Ideologisches ins Auge zu fassen: ihm gilt der Islamismus weder als Verschleierung noch als Abschirmung, sondern als Offenbarung. Demselben Geist entspricht die ablehnende Haltung, mit der islamistische politische Organisationen auf Parteipolitik reagieren: Halb im Ernst und halb aus Berechnung haben sie schon immer behauptet, über den Parteien zu stehen und das authentische Zentrum des jeweiligen Gemeinwesens zur göttlichen Wahrheit und als Wiederherstellung seines Naturells und Lebensprinzips, als Bestätigung seines eigensten Seins interpretiert.
Der Begriff Islam tritt uns als eine außerordentlich vielgestaltige Kategorie entgegen. Unter anderem dient er dazu, unterschiedslos eine Geschichte zu benennen, eine Religion zu bezeichnen, eine Gemeinschaft ins Ghetto zu sperren, eine »Kultur« zu umschreiben, ein abstoßendes exotisches Phänomen zu erklären und ein ganzes politisches Programm zu definieren. Ich beabsichtige hier nicht, diese Kategorie in den hervorstechenden Formen zu sezieren, die sie in den Faltungen der sozialen Phantasie an deren verschiedenen diskursiven Orten annimmt; sie entfaltet sich dort im Rahmen eines polarisierten Systems binärer Klassifizierungen, für die der »Westen« die normative Metasprache liefert, aus der dann auf negativem Weg die Merkmale gewonnen werden, die zusammen den Charakter des »Islam« konstituieren: Fanatismus, irrationales Traditionsbewusstsein, mangelnder Zeitsinn und die vielen dazugehörigen stellvertretenden Ausdrücke, von denen jeder geläufige Bilder mit sich führt: Volksmassen, den Schleier, Gebetshaltungen und so weiter. Wohl hingegen habe ich in den folgenden Abschnitten vor, die Geschichte der Islamkategorie in Erinnerung zu rufen und die universalistischen Konvergenzen herauszuarbeiten, die der politische Diskurs des islamistischen Abkapselungsstrebens preisgibt. Der Diskurs des politischen Islamismus hat viele Gemeinsamkeiten mit der Vorstellung vom Islam, wie sie der erwähnten sozialen Phantasie des »Westens« geläufig ist; wir werden sehen, dass dies der Fall ist, weil die beiden kategorialen Formulierungen auf gemeinsame theoretische und kategoriale Entstehungsbedingungen zurückgehen.
Dreh- und Angelpunkt des politischen Islamismus ist sein Eintreten für eine politische Ordnung, die möglich machen soll, was als »Anwendung der Scharia« bezeichnet wird. Alternativ dazu ließe sich auch das Eintreten für diese politische Ordnung – nennen wir sie den islamischen Staat – in Begriffen beschreiben, die an der Schnittstelle zwischen eschatologischer Vollendung, einer Heilsgeschichte und Verwirklichung einer Utopie angesiedelt sind.

Aziz Al-Azmeh – Der Islamismus und die Araber in KP-Berlin (Hrsg.) – Islamismus Kulturphänomen oder Krisenlösung; Seite 12f.

Die ganze, sehr empfehlenswerte, Broschüre kann man unter folgendem Link speichern: PDF

Bildungsstreik die xte.

Die AI hat nicht nur eine Veranstaltung mir Freerk Huisken organisiert sondern heute auch noch einen Text mit dem schönen Titel »Die Bildung klauen lassen« veröffentlicht. Lest mal rein, es lohnt sich.

Zum Hören: Kritik – wie geht das?

Kritik scheint ein schwieriges Geschäft zu sein.
Einerseits fehlt es nicht an kritischen Stellungnahmen. Rundfunk und Fernsehen, »Spiegel« und
»Bild«, die freie Wissenschaft und die konkurrierenden Parteien machen es sich und ihrem Publikum
geradezu zur Pflicht, kritisch zu sein. Man stört sich nicht daran, dass eine solche Pflicht
Kritik zu einer Haltung erklärt, die immer und überall angebracht und berechtigt ist – als ob es
nicht ein wenig davon abhinge, was einer vor sich hat, wenn er Einwände vorbringt. Kritik wird
zu einer subjektiven Einstellung, die man sich zulegt oder nicht, zu einer Art Voreingenommenheit
zurückgenommen, die sich gar nicht mehr aus der Kritikwürdigkeit des Gegenstands begründet,
auf den sich der kritische Geist richtet.
Andererseits ist mit der Allgegenwart kritischer Einstellungen die begründete Ablehnung einer
Sache – jenes theoretische Handwerk, das den Namen ›Kritik‹ verdient – so gut wie ausgestorben.
An ihre Stelle tritt der Brauch, Gott und die Welt mit Verbesserungsvorschlägen zu überschütten.
Rechte, linke und ganz normale Bürger üben sich in der Disziplin der konstruktiven
Kritik
, ganz als ob es logisch und zwingend wäre, dass aus Einwänden niemals die Ablehnung
des Kritisierten, sondern stets dessen Vervollkommnung zu folgen hat. An allem, woran kritisch
denkende Zeitgenossen Anstoß nehmen, wollen sie hilfreich mitwirken – wirklich an allem!
Die Medien kritisieren das Ungeschick unserer Kriegsminister beim Führen asymmetrischer
Kriege, oder die Unfähigkeit der Sozialpolitiker, die Lage der Armen zu verbessern, auch wenn
die das gar nicht versuchen. Professoren, Journalisten, Gewerkschafter, Oppositionelle beteiligen
sich in kritischer Solidarität an den »Problemen« des Staatshaushalts und der Krisenbewältigung
- um ausgerechnet beim Wetter, wo es nichts zu kritisieren gibt, hemmungslos kritisch zu werden.
Im demokratischen Zeitalter kritisieren die Menschen immerzu. Aber sie wissen nicht, wie es
geht. Wir wollen darlegen, was sie verkehrt machen, so dass ihre Kritik regelmäßig entgleist und
immer wieder bei der Bekräftigung des Kritisierten landet.

Vortrag mit Peter Decker vom 26. November 2009.
Ganz oder in Teilen runterladbar bei argudiss

Linker Irrsinn 1

Heute: Antifa is watching you und der restliche Wahnsinn einer Provinzantifa

Unter diesem Titel hat die Autonome Antifa Mecklenburg-Strelitz ein Tool eingebaut, dass jedem/jeder BesucherIn seine/ihre IP, Herkunft sowie den Typ des benutzten Browser vorhält.
Gleichzeitig echauffiert man sich über Vorratsdatenspeicherung und Menschen, die was dafür sagen.
Dabei sollte doch klar sein, dass es vollkommen irrsinnig ist auf der einen Seite Menschen den Eindruck zu geben überwacht zu werden, noch dazu von einer sich als emanzipatorisch verstehenden Gruppe.
In einer emanzipierten Gesellschaft sollte es sowas doch eben nicht geben- ist sie doch eine Gesellschaft FREIER Individuen, die eben nicht von anderen in ihrer Freiheit eingeschränkt, kontrolliert oder beobachtet werden. Ebenso sollte die Herkunft eines Menschen vollkommen unerheblich sein.

Aber ehrlicherweise: Was will man bitte von einer Gruppe erwarten, deren Kampf gegen Nazis sich durch das Verlinken von Deutschland mögenden Bands äußert, deren Analyse vom Kapital bzw. deren Gegnerschaft zu jenem sich auf die „bösen Herren in den Chefetagen von Konzernen und Banken“ beschränkt und die glaubt, dass einer sozialer Staat möglich sei bzw, dass ein sozialer Staat besser sei, als einer der sich durch Privatisierungen äußert und, die tatsächlich abseits jeder antikapitalistischen Konsequenz fordert „zu mobilisieren, um für den Erhalt von Arbeitsplätzen und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.“
Geht doch grade das letzte an jedem Punkt linksradikalen Denkens konsequent vorbei, denn nur weil der/die ArbeiterIn ein paar Euro/Dollar etc. mehr in der Lohntüte hat geht es der/dem ArbeiterIn keineswegs besser. Anders gesagt er/sie wird immer noch ausgebeutet und unterliegt immer noch Herrschaftsverhältnissen.
Weiter geht die Staatsliebelei der autonomen „Antifas“ dann im Absatz über Freizeit für alle, wo wieder der Staat in der Pflicht gesehen wird billige oder nein noch besser gratis Freizeitangebote für alle zu schaffen. Auch hier wird wieder übersehen, dass es keineswegs Aufgabe des Staates ist eine soziale Welt zu schaffen und dafür zu sorgen, dass es allen Menschen gut geht sondern, das die Kapitalverhältnisse aufrecht erhalten werden und die BürgerInnen sich in ihrem Zwangskollektiv nicht zu unwohl fühlen.
Abschließend wird alles falsche noch einmal zusammengefasst, die etablierten Parteien betreiben “ allesamt eine Politik im Interesse der winzigen Minderheit von Großaktionären und Vermögenden.“
Gegenmittel gegen diese aubeuterische von grundauf böse KapitalistInneklasse ist nichts anderes, als die Solidarität aller miteinander und für den sozialen Staat (das entnehme ich ich zumindest als Ziel des Selbstverständnises).

Versucht das- aber lasst mich damit in Ruhe. Und beklagt euch vor allem nicht, wenn ihr merkt, dass eure Analyse und Kritik an Klassen- und Kapitalverhältnissen vollkommen daneben geht.