Haiti: Über Imperialismus und Elendsvoyeurismus

Wer die Nachrichten anmacht kann sich die nächsten Tage auf eines verlassen: Bilder aus dem zerstörten Haiti. Elendsgestalten, die um Nahrung, Wasser oder Medizin betteln, zwischendurch ein paar Weiße in heldenhafter Mission oder mit Kameras auf der Schulter oder Mikrofonen an der Hand um an der publizistischen Heimatfront das Bedürfnis der Bevölkerung nach ein wenig Spektakel und Elend zu befriedigen.
Sicherlich, die Leute in Haiti brauchen Hilfe. Sicher nicht: Die Leute brauchen keine Abgesandten des Westens, die sich vorher einen Scheiß für sie interessierten und das in 2 Wochen wieder tun werden. Der Nachrichtenwert solcher Ereignissee besitzt eine relativ kurze Halbwertszeit, um so kürzer je schneller sich ein neues Elend finden lässt, von der Top-Story irgendwo in die Mitte nach ganz hinten abgeschoben, irgendwann beinahe komplett vergessen, alle 3 Monate wird das Thema vielleicht nochmal aus der Konserve geholt, zum Jahrestag natürlich und ansonsten auf einer Stufe mit der Gehwegerneuerung in Oberammergau der multimedialen Aufmerksamkeit für unwürdig befunden.

Während die Einwohner_innen der westlichen Staaten dann Ruhe haben werden die Haitianer_innen noch weiter leiden, zwar werden keine kleinen Kinder mit aufgerissenen Augen, schlimmen Verletzungen und am besten unter vollen Namen mehr millionenfach verbreitet, das Land ist davon aber längst nicht aufgebaut, die Tausenden Soldat_innen, die sich nun aufmachen für das zu sorgen was mit Sicherheit umschrieben, mit imperialistischer Einflussnahme aber zutreffendsten benannt ist, sind nicht weg. Die westlichen Staaten, die sich selber den Namen Erste Welt verpasst haben, lassen sich von Kuba und Venezuela eines sicherlich nicht bieten: Dass die dort einfach so Ärzte und andere Hilfe hinschicken, wo das doch »unser Haiti« ist und »wir eine historische Verantwortung haben«. Und so werden die bisherige Taten um großzügige Flugzeugträger und Soldat_innen ergänzt. Schließlich, so die Logik, ist Haiti nun ja ganz kaputt und war eigentlich noch nie so wirklich in der Lage für die eigene innere Sicherheit zu sorgen, wie soll das denn nun werden mit bewaffneten Banden, die sich die bescheidenen letzten Reste Unterhaltsmittel unter die Finger reißen um wenigstens sich selbst das Verhungern zu ersparen.

Nach der Ursache, warum Haiti schon vor dem Erdbeben so kaputt war, dass es nun komplett danieder liegt fragt hier niemand. Die Antwort wäre für Politik und Bevölkerung aber auch keineswegs erfreulich, sind es eben ihre Länder, die seit einigen hundert Jahren hauptberuflich westliche Werte noch in den entlegensten Winkel des Globus prügeln und dabei so ganz nebenbei große Teile der Welt unter ihre Knute gebracht haben. Dank dieses weltweiten durchgesetzten Herrschaftsanspruch war der Reichtum der westlichen Welt überhaupt erst zu haben, Rohstoffe, versklavtes Menschenmaterial und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Entwicklung zum eigenen Vorteil auf einem Niveau verwalteten Elends zu halten, haben die Bedingungen für den Reichtum geschaffen und Länder wie Haiti dauerhaft zurückgeworfen.
Umso zynischer erscheint die Rolle der barmherzigen Samariter_innen, in die sich USA und EU werfen. Ein Vorgehen, dass bei anderen durchaus scharf kritisiert wird. So zum Beispiel bei Jean-Claude Duvalier dem ehemaligen Diktators Haitis, der einen Teil des bei seiner Flucht 1986 aus Haiti mitgenommen Vermögens spenden wollte. Problem bei der Sache: Schweizer Richter weigerten sich das Geld dem »Schreckensherrscher« auszuhändigen und »verhinderten so die Farce«, denn Schreckensherrschaft ist nur in Ordnung wenn sie staatlicherseits ausgeübt wird.
Für die Haitianer_innen wird es ein böses Aufwachen sein, wenn sie sich von dem Schock der Zerstöung erholt haben. Zigtausende US- und andere Soldaten werden Ordnung herstellen. Eine Ordnung, die schon bisher zu nichts als Hunger und Elend geführt hat. Für das schöne Gefühl, in Zukunft im rechtssicheren Raum zu verhungern. Deutsche Philosoph_innen machen sich währenddessen lieber Gedanken über den Sinn des Unglücks. Die WELT findet ihn darin den Leidenden zu helfen. Die WELT findet aber auch »Gott weiß es« ist eine an Weisheit nicht zu überbietende Antwort.

Zum Weiterlesen:
Gegenstandpunkt Marburg – Ein erneutes »demokratisches Experiment« für Haiti
Gruppe Kapitalismus begreifen – Haiti herrschen und helfen
Telepolis – Die Elite Haitis blieb vom Erdbeben verschont
Feminists For Choice – Haiti’s Earthquake Could Disproportionally Impact Women

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5 Anmerkungen zu »Haiti: Über Imperialismus und Elendsvoyeurismus«


  1. 1 Anonymous 20. Januar 2010 um 0:16 Uhr

    Ich finde deine Polarisierung der Geschehnisse sehr interessant. Einerseits porträtierst du Haiti als das Höllenloch das es momentan ist, gehst aber im selben Atemzug noch dazu über der „westlichen Welt“ eins vor den Deckel zu geben. Für differenzierte historische Betrachtung bleibt natürlich kein Platz, ganz nebenher wird noch mit Kuba und Venezuela jongliert denen in deiner Betrachtung eben die Rolle des noblen Ritters zufällt, sehr durchdacht und kritisch. Auf die Idee das eben diese bösen Weißen dort sind um zu helfen, abseits davon das es sich hierbei um Geldschneiderei handelt entgeht dir scheinbar auch völlig.

    In deinem Artikel ist keine Rede von den komplexen politischen Verstrickungen die sich in Haiti abgespielt haben, die kommen alle irgendwie ungeschoren davon, Hauptsache du hast dir wieder fein nen Buhmann ausgeguckt dem du die Erbsünde Kapitalismus und Imperialismus andichten kannst.

    Ich begreife nicht wie du es schaffst Haiti a priori als Höllenloch hinzustellen und dich auf keine dialektischen Betrachtung einlässt. Sicherlich ist das was „wir“ von Haiti mitbekommen eine homöopathische Fernkrise die allenfalls dazu dient Otto und Normalverbraucher zum öffnen das Portemonnaies zu überreden. Allerdings entgeht dir in diesem doch recht langen Artikel die Chance darauf etwas zu machen das deinen Blog einzigartig macht, zumindest hättest du gut drauf verweisen können.

    Worauf ich hinaus will ist eine differenzierte und dialektische Betrachtung der Geschichte Haitis und kein schnödes der Westen ist der Böse Geschrammel, was ist zum Beispiel mit der Ära Duvalier und seinen MSVN-Schergen, im Volk auch als „Tonton Macoute“ bekannt? So etwas findet bei dir keinerlei Raum, eigentlich schade, so viel verschwendeter Platz für doch nur immer wieder das selbe. Aber Stereotypen runter rattern gelingt dir ziemlich formidabel. In diesem Sinne, zurück ans Reißbrett damit, ein gut gemeinter Rat, und hör gefälligst auf Krisen als Sprungbrett für deine schlecht gemachte Propaganda zu benutzen, um Nietzsche zu zitieren: „Christ und Anarchist, das reimt sich nicht nur“. Anderseits muss ich sagen das du deinem Titel, das ist „linker Boulevardjournalismus“ ziemlich gut gerecht wirst.

    Gezeichnet

    0

  2. 2 ♥Tekknoatze 20. Januar 2010 um 0:32 Uhr

    Das ZK hat soeben einstimmig beschloßen weitere Rhabarbermeldungen von dir nicht mehr zu veröffentlichen also spar dir deine Mühen. kthxbye.

  3. 3 sach mal 20. Januar 2010 um 0:32 Uhr

    was ist zum Beispiel mit (von?) der Ära Duvalier und seinen MSVN-Schergen, im Volk auch als „Tonton Macoute“ (genannt?), bekannt?

    dass diese herrschaft von den USA gestützt wurde?

  4. 4 tee 20. Januar 2010 um 2:04 Uhr

    Um mal mit einem Vertreter des „Diskurshooliganismus“ zu sprechen:

    Ich denke, von den Kommentierenden trifft hier jeder was.

    ;)

  5. 5 Wendy 27. Januar 2010 um 2:27 Uhr

    Kannst ruhig die Quelle nennen. b-)

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