Hannah Arendt zur Realpoltik.

Solche Fragen kann nur der stellen, der noch immer nicht begriffen hat, wie unglaublich verliebt ein Realpolitiker in die Realität ist. Allein die Tatsache, dass ejne Sache wirklich exitiert, versetzt ihn in einen solchen Enthusiasmus, dass er sich gar nicht mehr fragen kann ob das Existierenden für oder gegen ihn ist. Da ferner die Realitäten, die am nächsten sind, sich am stärksten fühlbar machen, rechnet ein realistisch denkender Mensch nur mit dem, was direkt vor seiner Nasenspitze liegt.
Chamberlain, der im Gefolge seiner realistischsten Politik, die die neuere Geschichte kennt, die ferne Tschechoslowakei opferte, die Franzosen, die sich realistisch darüber mokierten, »für Danzig oder Prag zu sterben«, haben bewiesen, dass die Realpolitik unmittelbar in Abenteuer- und Spielerpolitik übergeht, wenn man sie nur konsequent genug betreibt. Was heute in London als höchste politische Weisheit gilt, kann morgen in Jerusalem sich als höchst gefährliches Spiel herausstellen, als Spiel mit jener Vorsehung, an die Realpolitiker noch nicht einmal zu glauben pflegen. Fast 600.000 Menschen, die man urbi et orbi als den Kern der jüdischen Nation vorstellt, unbewaffnet zu lassen, ohne die Möglichkeit ihren Boden zu verteidigen, ihnen noch nicht einmal die Chance des Kampfes zu geben – das mag in London in der Nähe des Colonial Office sehr realistisch aussehen; überall sonst und zuerst in Palästina sieht es nach Selbstmord, nach Vernichtung der eigenen Realität aus.
Aber der Realpolitiker hat nicht nur oft die Realitäten gegen sich. Er muss mit einer unmittelbar noch unangenehmeren Sache rechnen: Die gewöhnlichen Menschen verstehen ihn nicht. Sie verstehen z.B. nicht seine Abneigung, »große Worte« zu gebrauchen, vor allem dann nicht wenn die das Gefühl haben in gefährlichen Zeiten zu leben. Jene Menschen, welche wir Juden »Volksmenschen« nennen, sind solche Narren, dass sie es sich nicht abgewöhnen können, hinter bestimmten Worten Ideen zu vermuten. Ideen wiederum haben die dem Realpolitiker höchst verdächtige Eigenschaft, dass sie den Menschen dazu bringen können, die Realität zu verändern. Und woran sollte sich ein Realpolitiker eigentlich noch halten können, wenn das möglich wäre, wenn der »feste Boden der Tatsachen« ihm unter den Füßen zu beben begänne?

Hannah Ahrendt, Die »sogenannte Jüdische Armee«, in Hannah Ahrendt- Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher, Piper 2004

Ich finde, dass Arendt hier eine weitgehend richtige Kritik einerseits der Realität und der Auswirkungen auf Menschen generell und andererseits des Treibens der Realpolitiker_innen gelingt. Allerdings, so scheint es mir, scheint sie vor allem zu stören, dass die Realpolitik des britischen Colonial Office den jüdischen Interessen in Palästina nicht gerecht wird, was ein falscher Schluss wäre, denn die Kritik der Realpolitik hätte sich erledigt sobald sich die Realität des Colonial Office an die der jüdischen Siedler_innen in Palästina angepasst hätte.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • Identi.ca
  • StumbleUpon

5 Anmerkungen zu »Hannah Arendt zur Realpoltik.«


  1. 1 weltgeist 11. November 2009 um 18:00 Uhr

    in der tat ein schöner fund – und auch die kritik trifft den punkt. aber, korrigier mich wenn ich irre, geht hannah arendts fehler nicht genau auf den punkt zurück den du wiederholst wenn du sie für eine „treffende kritik der realität und ihrer wirkung auf die menschen generell“ lobst? was außer realität soll denn sonst auf menschen wirken?

  2. 2 ♥Tekknoatze 11. November 2009 um 20:57 Uhr

    Nein, würde ich nicht sagen. Arendt erkennt in der Analyse ja durchaus richtig den Fehler der Realpolitik, nämlich der Realität verhaftet zu sein und damit eine grundlegende Verhandlung des Gegenstands abgekanzelt zu haben, es ist den der Realität verpflichteten Menschen nämlich dann unmöglich festzustellen ob ebenjene Realität sie u.U. schädigt.
    Anstatt nun aber von der Wirkung der Realität auf die Politik und die Menschen zu einer Kritik der Realität zu kommen begnügt sie sich damit festzustellen, dass die britische Realität des Colonial Office der jüdischen in Palästina eben nicht gerecht werden würde.
    Eben diese Kritik aber wäre es, die auf die Menschen wirken könnte und ihnen klarmachen könnte, was falsch läuft, was an ihrer Lebenswelt eigentlich ziemlich schlecht für sie ausgeht. Sonst entscheiden sich die Leute halt weiter zwischen objektiven Gedankenformen wie dem Nationalismus um so den Versuch zu begehen sich in einer feindlich gesinnten Welt möglichst heimisch einzurichten.

  3. 3 hannah arendt 12. November 2009 um 10:59 Uhr

    weltgeist – fuck off!

  4. 4 weltgeist 12. November 2009 um 17:59 Uhr

    ach lb666 – nicht genug beachtung für die blogschließung gekriegt?
    @tekknoatze: das ist mir zu jargonhaft – natürlich merken die leute, dass die realität sie schädigt, die frage ist nur ob sie das hinnehmen und wem sie die schuld geben. bei dir klingt das aber schon wieder so, als sollten sie DER REALITÄT die schuld geben und das ist käse. das problem an der realitätsauffassung der realpolitiker ist doch, dass sie in einem kurzschluss „das was ist“ zu dem „was sein soll“ erklären, weil sie den raum des möglichen nicht als der realität zugehörig betrachten und so ihr handeln völlig entpolitisieren und zu der einen möglichen reaktion auf eine eindimensionale realität erklären- insofern wäre der schluss ja auch nicht, dass alles gut und die kritik vorüber wäre wenn das colonial-office die juden bewaffnet hätte, sondern wenn klar geworden wäre, dass innerhalb verschiedener möglichkeiten, welche die realität bietet, dir richtige aus politischen gründen gewählt werden muss.
    denn so charmant rumgestänker gegen „die realität“ auch klingen mag, es bleibt zahnlos. eine „zeitschrift gegen die realität“, z.b. wird nicht zu unrecht vom außenstehenden belächelt. weil objektive gedankenformen, ideologien aber eben auch die kritik daran und die revolutionäre perspektive allesamt real sind und sein müssen – sonst wären sie utopischer quatsch, oder, wie war das wort noch… ach ja: realitätsflucht.
    punkt klarer geworden?

  5. 5 lyziswelt 13. November 2009 um 19:40 Uhr

    -

Ein_e verbitterte_r Redakteur_in hat weite Kommentare zu diesem Beitrag untersagt.