Unbehagen von Gewicht.

Lautet der Titel der neuen Phase2, also #32, die sich mit mit dem »kritischen Potential von Queer« beschäftigt. Eine sehr lesenswerte Einführung in die aktuellen Diskurse um queer, Heteronormativität, Patriarchat, sex, gender und desire.
Im letzten Artikel des Schwerpunkts, Prothetisierung und Sowjetmacht, setzt sich Oliver Jelinski mit der Revolutionierung der Geschlechterverhältnisse auseinander. Zitiert wird im Anschluß die Einführung in den Artikel, die sich, finde ich, sehr treffend mit marxistischen Vorurteilen und Problemen in puncto Geschlechterverhältnis auseinandersetzt:

Für TheoretikerInnen, deren Blick auf gegenwärtige Gesellschaften wesentlich durch die Marxsche Analyse des Kapitals strukturiert ist, ist der Umgang mit Geschlechterverhältnissen stets ein Problem. Während dem Kapitalverhältnis und den mit seinem Prozessieren notwendig einhergehenden Brutalitäten mit einem einfachen, fast realpolitischen ersten Schritt zu begegnen ist, nämlich mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Übergabe der Kontrolle über Produktion und Distribution an Räte, Sowjets, scheint erstens solch eine Umstrukturierung des Reproduktionszusammenhangs Geschlechterverhältnisse keinen Abbruch tun zu können. Zweitens ist auch kein anderer Ansatzpunkt in Sicht, von dem aus man den Geschlechterverhältnissen die Grundlage entziehen könnte. So etwas wie eine klare Grundlage der Geschlechterverhältnisse scheint es noch nicht einmal zu geben. In marxistischen Gruppen wird die queere oder nicht queere theoretische und praktische Arbeit gegen Geschlechterverhältnisse deshalb häufig milde belächelt oder, auch wenn das heute nicht mehr so heißt, als Nebenwiderspruch abgetan, eben, weil sie immer mit den Erscheinungen kämpft und nicht gegen das Wesen. Noch häufiger allerdings wird solche Arbeit freundlich abgenickt und höflich begrüßt, weil man ja nicht sexistisch wirken will. Selber würde so ein Marxist das aber nicht machen, jedenfalls nicht, solange es sich nicht direkt auf das Kapital beziehen lässt.
Und getrennt vom Kapital sind Geschlechterverhältnisse ja nicht. Tatsächlich änderte sich auch hier mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel im progressiven Sinne Entscheidendes: Ungleiche Bezahlung für Frauen und Männer erledigte sich mit der Abschaffung der Lohnarbeit von selbst; der Konkurrenz um Arbeitsplätze und in Statusfragen, die dankbar Geschlechterverhältnisse als Kampfmittel aufnehmen kann, würde zumindest ihre notwendige Vermittlung mit der individuellen Reproduktion genommen. Auch der vielfach als strukturelle Grundlage der Geschlechterverhältnisse beschworenen Sphärentrennung von produktiver und reproduktiver Arbeit dürfte ihre materielle Basis entzogen sein, wenn das, was heute als produktive Arbeit gilt, nicht mehr als etwas auftaucht das vom Kapital gewährt wird und wofür man dankbar zu sein hat, was also eine gesellschaftliche Auszeichnung darzustellen scheint, sondern als eine schlichte Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Reproduktion.

Oliver Jelinski, Prothetisierung und Sowjetmacht- Über das Reale in queer, warum die Abschaffung des Kapitalverhältnisses noch keine Geschlechterverhältnisse revolutioniert und wie Sexualtechnologie dabei helfen könnte. in Phase2 #32, Seite 28

Anschließend daran passt der folgende Ausschnitt von geschlecht ist konstruiert auch sehr gut:

Geschlechtsspezifische Machtverhältnisse werden aber in der Linken wahlweise als Nebenwiderspruch (Wir haben jetzt aber echt wichtigeres zu tun) abgetan, empört verleugnet ( Wir sind doch keine Sexisten!) oder (auch ich fördere eine Frau) paternalistisch zugedeckt. Diesen Umgangsweisen gemein ist, das sie eine kugelsichere Distanz zu diesem Thema aufzeigen. Denn viele Männer leben mit der Gewissheit eben ein Guter – und damit kein Gesprächsthema zu sein. Dabei tragen sie die Grundnorm der hegemonialen Männlichkeit, die zugleich ihre eigene verinnerlichte und gelebte ist, unfähig sie als solche zu be- und schon gar nicht anzugreifen. Auch in unseren Zusammenhängen ist die gesellschaftlich-tradierte Norm der Männlichkeit unangefochten akzeptiert und wird –meist sogar zufrieden und durchaus stolz- von den Männern der Szene praktiziert. Gestützt vom platten Spruch »Wir sind die Guten«, der in Worte fasst, was die meisten Antifas tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, ist zwar nett, suggeriert aber, damit im Machtverhältnis auf der guten Seite zu stehen, zumindest nicht Täter, Herrscher zu sein, jedes Hinterfragen ist somit nicht notwendig.
Dabei werden durch alltägliche Handlungen, Gesten, Äußerungen die gesellschaftlichen Geschlechtsverhältnisse aufs neue reproduziert, und der eigene aktive Anteil daran wird einfach schlichtweg naiv verkennt.

geschlecht ist konstruiert, Woher soll man wissen woher der wind weht wenn kein Wind weht

In derselben Phase2 findet sich neben dem Schwerpunkt in der Gender-Abteilung noch ein sehr lesenswerter Artikel von Andrea Trumann zum Understatement des Popfeminismus, sowie in der Literaturbeilage Kilby2 eine sehr positive Rezenssion von Geord Klaudas die Vertreibung aus dem Serail.
Dabei hör ich wie von skp empfohlen mal das Moderat Album und bin hellauf begeistert.

Moderat- Slow Match feat. Paul St. Hillaire

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9 Anmerkungen zu »Unbehagen von Gewicht.«


  1. 1 skp 02. Juli 2009 um 17:19 Uhr

    ersteres zitat betrachtet in seinem letzten absatz das geschlechterverhältnis aber heteronormativ. der umgang zwischen männern und frauen wird durch die aufhebung des kapitalverhältnisses sehr wohl nicht mehr als konkurrenzverhältnis bestehen – aber damit ist überhaupt noch nichts ausgesagt über ein verhältnis zu geschlecht jenseits des heteronormativen.

    das album läuft hoch und runter.

  2. 2 ♥Tekknoatze 02. Juli 2009 um 17:33 Uhr

    Joa, richtig. Hat mich auch ein wenig gestört. Jelinski sagt ja aber auch, dass nur durch die Aufhebung des Konkurrenzverhältnis zwischen den Geschlechtern bzw. die Nutzbarmachung von Geschlechterverhältnissen in der Konkurrenz gegen die Geschlechterverhältnisse an sich noch nichts gesagt sein muss.

  3. 3 l 02. Juli 2009 um 17:57 Uhr

    error opening file :(

  4. 4 ♥Tekknoatze 02. Juli 2009 um 18:11 Uhr

    so müsste jetzte gehen :)

  5. 5 kaputt 06. Juli 2009 um 21:55 Uhr

    ich fand die phase 2 so überladen an akademisertem geschwafel, dass ich sie ziemlich schnell ins regal gestellt hab. muss endlich mal das abo kündigen.

  6. 6 ♥Tekknoatze 07. Juli 2009 um 1:27 Uhr

    Ach kaputt schick sie doch lieber mir :p

  7. 7 Prüfi 07. Juli 2009 um 15:42 Uhr

    aber damit ist überhaupt noch nichts ausgesagt über ein verhältnis zu geschlecht jenseits des heteronormativen.

    Erklär mal bitte.

    Mich würde interessieren, was das heißt:

    In marxistischen Gruppen wird die queere oder nicht queere theoretische und praktische Arbeit gegen Geschlechterverhältnisse deshalb häufig milde belächelt oder, auch wenn das heute nicht mehr so heißt, als Nebenwiderspruch abgetan, eben, weil sie immer mit den Erscheinungen kämpft und nicht gegen das Wesen.

    Erscheinungen, Wesen? Und warum sollte man queere Gruppen nicht belächeln, wenn sie Fehler machen? Gut, belächeln ist blöde, kritisieren hingegen wohl gar nicht. Wenn Leute tatsächlich in ihrer Besonderheit ALS nicht-“heteronormativ untergordnet“ anerkannt werden wollen, find ich das lahm, weil es dem Grund der „Queerophobie“ gar nicht auf den Grund geht, sondern nur nach Toleranz ruft.

    @ TA:

    Bestimmt Jelinski denn mal, was ein Geschlechterverhältnis ist?

  8. 8 Prüfi 07. Juli 2009 um 15:43 Uhr

    Ich geb gleich mal nen Tipp ab: Er tut es nicht.

  9. 9 ♥Tekknoatze 08. Juli 2009 um 18:12 Uhr

    Antwort die Tage, weil keine Zeit. Sobst kann ja jemand anders übernehmen. :)

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